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Vita von Bernie Corrodi
Als ich 1951
im Sternzeichen der Jungfrau geboren wurde, konnte sich niemand die
Jahrtausendwende wirklich vorstellen. Jeder malte sich vor seinem
geistigen Auge zum Teil recht abstruse Bilder aus. Von den gebratenen
Tauben die automatisch in den Mund fliegen würden bis hin zu den fliegenden
Untertassen für jedermann - da hatte jeder so seine Vision. Aber damit
hatte es sich, der Alltag rief, die Hochkonjunktur boomte. Die Frauen
gebaren munter Kinder, machten die schwere Feldarbeit und gruben Kartoffeln aus.
Damals waren ihnen rotbackige Babys wichtig, dann gute Kartoffelpreise und
das schöne Erntewetter für schorfige Äpfel. Man war froh, den Krieg
hinter sich zu wissen und den letzten Schrei sich leisten zu können,
einen bunten Hula-Hoop-Reifen.
So war es in
der Agglo von Zürich, in Bassersdorf, hier wuchs ich auf. Als Teenager erlebte ich
hautnah die swinging Sixties; Flower-Power,
den Jugendhaus-Krawall, Anti-Vietnam-Krieg-Demonstrationen. Irgendwann
hatte ich mir die Elektrogitarre meines Bruders gekrallt, lernte drei
Griffe und plante, Rock n' Roll Star zu werden. Dann aber brach die
Hippiezeit herein, sie fuhr uns durch unsere Haare und unsere Kleidung
und prophezeite uns ein Nirwana mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll. Sie ließ uns
das Establishment hinterfragen, neue Ideen ausdenken, linken Stuss
nachplappern und den Bunker mitten in Zürich als 'rechtsfreien' Raum zu besetzen.
Ich hatte lange Haare, ich war cool, ich
malte Bilder, schrieb Geschichten und lebte wie ein Bohemien. Von niemandem
wirklich verstanden, aber immer voll mittendrin - und doch daneben. Auch
das ist eine Kunst.
Doch mein
Alltag war wie der Alltag der meisten: Eine Lehre als
Verkäufer, dann der Abstecher an den Genfersee, nach Vevey an die
Kunstschule Arts & Metier,
Ausbildung zum Dekorateur, erlernen der französische Sprache, dazwischen
die elende Mühsal mit dem kennen lernen der Traumfrau, die sich dann in klettenhafte Alpträume verwandelte. Es war nichts von all dem ganzen ‚Make-Love-Getue'
damals, auch hatte ich keine Zeit, um die Welt bekifft an mir vorbei ziehen
lassen. Es folgte eine Weiterbildung zum Werbeassistenten. Heirat. Drei Kinder, Bianca,
Ella, Oliver, etwas aufbauen als freier Dekorateur, immer unterwegs,
quer durch die Schweiz, gelegentlich auch im Ausland. Karriere. Nichts
daran war wirklich ein gerader Weg oder gar eine geordnete Abfolge.
Künstlerisches Chaos und kreative Hektik. Wegziehen aufs Land, nach
Steckborn/TG, und wieder zurück nach Zürich. Meine drei geliebten Kinder
erziehen, und immer Vollgas leben.
Zwei Herzattacken lernten mich eines
Besseren, und seit 1996 mache ich etwas Geruhsameres, hier
in Adliswil im Sihltal, umgeben von wunderbaren Menschen. Auch wenn ich
auch meinen heutigen Job als Hauswart, bei der Schule Adliswil, noch
immer mit Vollgas mache. Nach einer grauenhaften, beknackten Depression
lebe ich seit 2004 getrennt von meiner Frau Ursi, aber leider auch
von meinen geliebten Sohn Oliver, von dem wunderbaren jungen Mann, dem
Informatik-Lehrling und Heavey Metall Gitarristen. Ich vermisse auch
sehr meine umtriebige, drogenverseuchte Ella, die mir Sorgen macht. Die
älteste Tochter, Bianca, lebt glücklich mit ihrem Beat in Langenthal und
gibt Vollgas auch im Beruf. Das freut mich für sie sehr. Ich selbst lebe
in einer neuen, anspruchsvollen Beziehung, mit Trudy und ihren beiden
erwachsenen Kindern, dem tollen jungen Schlagzeuger und Autofritz Dominik, und
der liebenswürdigen, stillen Natascha. Neudeutsch umschrieben lebe ich
in einer Patchworkfamily.
Nun schreibe ich wieder und mit dem Schreiben
verhindere ich, dass mich der Alltagstrott wegmüllt. Ich beschreibe und
erzähle nach was ich gesehenen, gehört, erlebt habe. Gesichten rund um
uns Männer mit unseren Troubles wegen der vier F: Frauen, Familie,
Fußball und Feierabendbier. Männergeschichten. Das sind dusslige
Lovestorys, dämliches aus Beruf, Politik und Karriere. Seit wir wissen,
dass wir nur ein X-Chromosom haben, seit wir also genau wissen, dass wir
nicht nur hässlicher sondern auch noch dümmer als Frauen sind, kürze ich
hiermit ab: Sex, Crime and Rock’n Roll.
Viel Spaß wünscht Ihnen :-) Bernie
Corrodi
Nomen
est Omen.
Ich wurde Bernhard getauft nach dem Bernhard auf dem Berg mit den
Cognacfass tragenden Hunden. Sein Lebensziel war das anbeten von
Christus und dem Nächsten dienen. Meine Großmutter hat mich als
kleiner Junge schon immer Berni gerufen, vielleicht weil ich anscheinend der obigen
Namensvorlage nicht ganz entsprach...? In der Pubertät wurde aus Berni ein
Bernie mit ie am Schluss.
Corrodi ist
ein altes Zürcher-Geschlecht.
Immer wieder werde ich auf die mögliche Herkunft meines Familiennamens
angesprochen. Man vermutet, dass unser Name auf Herkunft aus Graubünden,
dem Tessin oder
gar in Italien läge. Hartnäckig wird immer wieder gemunkelt, das wir aus
Venedig stammen würden.
Aber dem ist nicht so. Der pensionierte
Jurist Dr. Niklaus Korrodi aus Bülach hat viel von seiner Freizeit darauf
verwandt, unsere Wurzeln freizulegen. Um das Jahr 1030 herum, als nur
Mönche, Vögte und Fürsten schreiben konnten, hat ein schussliger
Pfarrherr in Bubikon mit seiner ureigenen Handschrift und mit den damals
für richtig befunden
Orthografiekenntnissen, mit einem stumpfen Gänsekiel statt Cuonrader
Cuoradi geschrieben. Im Laufe der Zeit wurde der ehemals lateinische Namen
immer mehr allemanisiert, verdeutscht. Später entstand daraus der geografisch weit
verzweigte Stamm der Corrodis, zusammen mit den Corradi, Korrodi, Koradi
usw. Unser Familienname heißt übrigens salopp übersetzt: ‚von Herzen
kommend'. Unsere Vorfahren wanderten aus, aus welchen Gründen auch
immer, mal der Liebe wegen, mal aus wirtschaftlichen Gründen. Sie zogen in
das Zürcher Weinland, nach Zürich, Fehraltdorf, Winterthur,
Niederneunforn im Thurgau, Hirzel oder nach Rom, Marseilles,
Kalifornien, Argentinien, Afrika. Unser Familienzweig wurde 1467
Stadtzürcher-Bürger.
In jeder
Familie gibt es allerhand für Menschen, auch bei uns. Bei uns gab es
Ingenieure, Trinker, Bauern, Musiker und Vaganten, Handwerker wie
Schmiede (siehe Zunfthaus zur Schmiede in Zürich), Lehnsherren und
Tunichtgute, auch bildende Künstler wie Salamon Corrodi aus der
Fehraltdorferlinie, der in Rom die Künstlerdynastie mit seinen Söhnen
Hermann Corrodi und Arnold Corrodi (1846-1874) begründete. Sie malten
und zeichneten vorwiegend Historisches, Ansichten, heute würde man dem
Wallpaper sagen... Da einige der Herrschaften auch dort unten in Italien
(eines natürlichen Todes)
starben, bezeichnete man sie immer wieder fälschlicherweise als italienische Maler.
Mein
Urgroßvater war der erste Verwalter des Zeughauses in Zürich und
verstarb relativ abrupt. Scheinbar ist er im Vollrausch die Treppe
heruntergestürzt und hat sich das Genick gebrochen. Mein Großvater Jakob
Corrodi-Spiess lernte Zuckerbäcker in der berühmten Bäckerei Hürschi in
Chur. Später war er einer der ersten Fahrer für Gottlieb Duttweilers
Migros. Mein Vater Hans Rudolf hat sich vom Lehrling zum technischen
Direktor bei der Drahtgewebefabrik Bopp & Co in Zürich hochgearbeitet,
nicht mit Ellenbogen, sondern mit Grips und Dutzenden von kreativen
Ideen. Er verstarb 2005; Friede seiner Seele. Meine drei Brüder mag ich
so wie sie sind. Rudolf (Ingenieur),
Hans-Peter (Controller) und Christoph (Anlageberater), die also alle etwas
Rechtes tun, nur ich nicht. In meinen Adern fließt das blau-weiße
Stadtzürcherblut mit seiner kunstsinnigen Seite, angetrieben vom starken
Bauernherz meines Großvaters mütterlicherseits, dem sogenannten Truuri
Heiri Dübendorfer, aus Bassersdorf.
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